
Mach dein' Deckel
Was haben eigentlich Kunst und ein Kanaldeckel gemeinsam? Zunächst wohl erst mal nicht viel. Steht doch das eine, sinnbildlich, für den gehobenen und gebildeten Teil der Gesellschaft und das andere für das Abwasser im
unterirdischen. Doch genau dieser Gegensatz hat die Kasseler Entwässerungsbetriebe, Kassel Wasser, dazu veranlasst, anlässlich des Elfhundertjährigen Stadtjubiläums einen Wettbewerb ins Leben zu rufen, der diese beiden Extreme vereinen soll. „Mach dein' Deckel“ ist dabei durchaus wörtlich zu verstehen und bietet 50 interessierten Künstlern, Designern, Hobbydekorateuren, und all denen die es werden wollen, die Möglichkeit, ihren eigenen Kanaldeckel künstlerisch zu gestalten.
Die Werbeagenten lassen sich das natürlich nicht zweimal sagen. Und so war es nur eine Frage der Ehre, dass wir, gemeinsam mit unseren Haus- und Hofkünstlern László Horváth und Torben Landlauf, an diesem Projekt teilnehmen. Die Spielregeln dazu waren denkbar einfach. Alles gestalterisch mach- u. denkbare darf und kann realisiert werden. Lediglich der Bezug zu Kassel war vorgegeben.
Was sich zunächst wie ein leichtes Vorhaben liest, sollte sich schon wenig später als eine knifflige Aufgabe entpuppen. Materialkunde, ästhetisches Empfinden und Machbarkeit waren nur Teile der Hürden, die es zu nehmen galt. Nicht weniger als der Gesamtsieg waren die Zielvorgabe und so wurde die gesamte handwerkliche Infrastruktur der Werbeagenten angehalten, natürlich unentgeltlich, dem Projekt jede erdenkliche Unterstützung und Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Dafür möchten wir uns an dieser Stelle bei allen Beteiligten Unternehmen bedanken. Von der Beschichtungstechnik durch die Fa. OTEGA, über die professionellen Schweißarbeiten durch Premio Autoservice Neudert bis hin zur Bereitstellung des Himmelsstürmers durch den Cloodt Verlag und letztlich die Gesamtorganisation durch die Werbeagenten, waren ausschließlich traditionelle Kasseler Firmen an der Realisation beteiligt. Und genau das wollten die beiden Künstler damit auch erreichen. Eine Besinnung auf die handwerklichen Wurzeln, die wirtschaftliche Schaffenskraft des Netzwerks und schlussendlich auf den gemeinsamen Spaß bei der Sache. Dass bei der Umsetzung die vorgegeben Spielregeln ein klein wenig missachtet wurden, ist für diese beiden Charakterköpfe nur ein Zeichen der Ernsthaftigkeit, mit der sie bei der Sache sind. Trotz einer fünfmonatigen Unterbringung im Containerdorf und eines abschließenden Umzuges des Gesamtbetriebes in neue Räumlichkeiten, sind wir mit dem Endergebnis mehr als zufrieden und glücklich.
Der (Sub-)Kulturelle Ansatz in diesem Ergebnis ist nicht zu übersehen. Beide Künstler sind mit ihrer Heimat stark verwurzelt und betrachten ihre Aktivitäten, außerhalb des Mainstream, als zurückhaltenden Protest gegenüber Kommerzialisierung und Konsum. Obwohl die tendenziellen Entwicklungen der Wirtschaftsregion Nordhessen für positive Stimmung sorgen, wird dem (Sub-)Kulturellen immer mehr Nährboden genommen und künstlerisches Dasein mit fünfjähriger Abstinenz gefördert. Es ist Zeit, auch für die Bürger der Stadt, Kassel endlich als Kunstweltmetropole zu verstehen und zu begreifen. Nach der documenta ist vor der documenta. Und so sollten wir dieses Projekt als nur eines von hoffentlich vielen betrachten, auf dem langen Weg zur nächsten documenta XIV.
Kassel und Kunst haben eines gemeinsam. Nämlich das, was man daraus macht!
Text/Foto: Guido Krell / 18.03.2013


